Die litauische Hauptstadt Wilna erlebte vom 23. bis 30. Juli 2005 ihre bisher gröte internationale Veranstaltung: den 90. Esperanto-Weltkongress mit über 2300 Teilnehmern aus 62 Ländern. Für alle Arbeitssitzungen, Vorträge und künstlerischen Programmteile wurde die internationale Sprache Esperanto verwendet.
Der Kongress fand hundert Jahre nach dem Ersten Esperanto-Weltkongress in Boulogne-sur-Mer (1905) statt, mit dem für das Esperanto die Epoche des mündlichen Gebrauchs begonnen hatte. Der Kongress in Wilna bot somit Anlass, über alle bisherigen Esperanto-Weltkongresse zu reflektieren.
In Jahrzehnten, die von gesellschaftlichen Veränderungen, politischen Erschütterungen und zwei schrecklichen Kriegen geprägt waren, haben die Kongresse ihr bedeutsames Merkmal bewahrt: Forum zu sein für die Begegnung von „Menschen mit Menschen (wie sich Lazarus Zamenhof, der Schöpfer des Esperanto, damals in Boulogne ausgedrückt hatte), die der feste Wille eint, nationale und ideologische Barrieren zu überwinden. Auf mehreren Sitzungen in Wilna kam der Nutzen zur Sprache, den die Kongresse den Teilnehmern bringen. Besonders häufig wurde der Bildungswert der Kongresse hervorgehoben – sie erweitern nicht nur Kenntnisse in verschiedenen Fachgebieten, sondern schärfen auch das Bewusstsein für die Wirkungen, die von einer interkulturellen Kommunikation auf ganz persönlicher Ebene ausgehen.
In seiner Rede von 1905 wollte Zamenhof ein Gefühl der Solidarität schaffen und Zuversicht wecken, dass Esperanto zu einem besseren Zusammenleben der Menschen in der Welt beiträgt. Auf diese Tradition stützen sich die Esperanto-Weltkongresse; sie zeugen von der ungebrochenen Aktualität des Versuchs, durch die beharrliche Arbeit von Individuen das Miteinander der Menschheit zu erleichtern, und sind ein Beweis dafür, dass Menschen guten Willens mit Hilfe des Esperanto neuen Kontakt zueinander finden können.
Der Kongress in Wilna fand in der Herkunftsregion des Esperanto statt, an einer Wegkreuzung der Kulturen. Er zeigte ein weiteres Mal, wie eindrucksvoll das einwöchige Zusammensein von Menschen ist, die durch die Sprache Esperanto vereint sind und einen Dialog ohne Vorurteile und Beschränkungen praktizieren. Die Kongressteilnehmer von Wilna sind überzeugt, dass die hundertjährige Geschichte der Esperanto-Weltkongresse als erfolgreiches Beispiel interkultureller Verständigung fortgeführt wird, und rufen deshalb aufgeschlossene Menschen dazu auf, selbst Esperanto zu lernen und so zu einem ähnlichen Erlebnis zu gelangen, wie es seinen Teilnehmern gerade der Kongress von Wilna wieder bereitet hat.
Wilna, den 30. Juli 2005
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